Meine Work-Life-Balance

Work-Life-Balance - Vereinbarkeit - Familie und Beruf

Wenn ich früher das Wort „Work-Life-Balance“ gehört oder gelesen habe, dachte ich immer „was wollen die überhaupt alle mit ihrer Work-Life-Balance – sie können doch froh sein, dass sie Work und Life haben, der Rest kommt doch von ganz alleine.

Dieses „früher“,

das war als ich Mama wurde, meine ersten Mama-Jahre. Bei uns kam damals alles auf einmal: Geburt, Eltern werden, Umzug aus Abu Dhabi (V.A.E.) zurück nach Deutschland, beruflicher Neustart bei Daddy Cool und für mich zunächst einmal das berufliche AUS. Denn mit dem Umzug nach Deutschland hatte ich keinen Arbeitgeber, zu dem ich nach der Elternzeit zurückkehren konnte. Ich war einfach nur Mama. Auf der einen Seite war ich darüber wirklich glücklich, auf der anderen Seite hat mich diese Situation unter extremen Druck gesetzt: Ich war diejenige die keinen Job hatte und somit mußte ich nicht morgens pünktlich um 09 Uhr ein Budget proposal abliefern oder eine VIP Delegation begrüßen, ich war „nur“ zuhause. Also war immer auch ich diejenige, die nachts aufstand, wenn die Kinder weinten, die abends als Letzte ins Bett ging und morgens als Erste wieder aufstand, ich war diejenige, die alles zuhause gemacht hat, ich war diejenige, die die Kinder gefüttert hat und dabei manches Mal verzweifelt ist, weil sie nicht essen wollten.

Da Daddy Cools Job zu der Zeit extrem fordernd war, er immer erst spät abends oder nachts zurückkam und unzufrieden war, habe ich immer versucht, alles andere zu übernehmen. Dabei habe ich nicht gemerkt, dass das so nicht geht. Aber es gab keinen Ausweg für mich, ich war gefangen. Reden konnte ich darüber nicht. Es hätte niemand verstanden. Je unzufriedener Daddy Cool wurde, desto schwieriger und auswegloser war meine Situation. Denn in seinen Augen sah es so aus, dass ich ein riesengroßes Glück hatte, jeden Tag mit meinen Kindern verbringen zu dürfen, ohne mich über einen Chef ärgern zu müssen, oder unter dem Druck zu stehen, bestimmte Ergebnisse liefern zu müssen.

Work-Life-Balance - gefangen im Alltag

Work-Life-Balance?

Aber, dass ich nie eine Pause bekam und immer im Einsatz war, wurde mir erst nach und nach klar. Insofern konnte ich die Work-Life-Balance Frage nicht verstehen, denn ich hatte nie eine. Es gab nur Arbeit, keinen Raum für mich, keine Zeit für mich. Ich hatte immer ein schlechtes Gewissen, denn schließlich war ja das Einzige, was ich tat, den gesamten Haushalt und alles was damit zusammenhängt zu organisieren und bei den Kindern zu sein. Eigentlich kein großes Ding und keine große Verantwortung, sollte man meinen. Ist es aber doch! Und so hat mich das Work-Life-Balance Gerede immer geärgert. Ich mußte klarkommen, weitermachen, immer da sein und funktionieren. Da war keine Frage nach einer Work-Life-Balance, da war kein Urlaub.

Work-Life-Balance - Mama-sein

Erst jetzt,

wo ich eine habe, verstehe ich sie, die Work-Life-Balance, aber sehen tue ich sie immer noch anders. Denn auch wenn ich oft viel arbeite, macht es mir Spaß, ich bin froh und dankbar, dass ich arbeiten kann. Nun ist es bei mir auch so, dass ich nur bis mittags vor Ort im Büro bin und danach mobil von zuhause arbeite. Je nachdem wie das Arbeitsaufkommen gerade ist, mache ich da zwar oft mehr, als die vertraglich vereinbarten Stunden, aber das ärgert mich nicht, es macht mich auch nicht fertig oder zerstört meine Motivation. Denn ich kann ja trotzdem bei meinen Kindern sein. Champ geht nur an zwei Tagen in der Woche in die Nachmittagsbetreuung, davon an einem Tag auch nur bis 14 Uhr. Ich bin immer noch „immer da“, aber habe jetzt auch etwas Eigenes. Das ist ein großer Schritt und macht einen großen Unterschied.

Work-Life-Balance – bei jedem ist sie anders und das ist gut so

Weil ich genau weiß, wie es sich anfühlt, wenn man diesen Unterschied nicht hat, sehe ich das Thema Work-Life-Balance anders. Denn bei jedem der Arbeit und Familie hat und dies unter einen Hut bringen möchte oder muss, liegt es in den eigenen Händen, wie man die verschiedenen Komponenten bewertet, verteilt und damit umgeht. Natürlich gibt es Zwänge, aus denen man nicht herauskommt, die gibt es auch bei mir. Aber jetzt mal ganz ehrlich: Alles ist besser, als sie gar nicht zu haben, die Work-Life-Balance. Ich habe sie nun für mich gefunden, meine Work-Life-Balance und bin glücklich damit.

Arbeiten tue ich viel, aber aus irgend einem Grund habe ich es geschafft, gerade seit ich arbeite, mir mehr Raum und Zeit für mich selber zu geben und das ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Ich lese viel (das hat mir früher wirklich gefehlt), ich schreibe und ich mache das ein oder andere an DIY Projekten.

Manchmal braucht es etwas Zeit, um die eigene Situation zu verstehen und den eigenen Weg sehen zu können. Aber wenn man auf sich selber hört, und nicht aufgibt, dann kommt man auch an, bei der passenden Work-Life-Balance 🙂

Das Interessante ist: Seitdem ich wieder arbeite, kein schlechtes Gewissen mehr habe, wenn ich mir auch mal Zeit für mich nehme, oft auch mal Haushalts-oder Kinderaufgaben an Daddy Cool abgebe, habe ich das Gefühl, dass er mich mehr respektiert. Verrückt, oder?!?

Work-Life-Balance

PS.: Das ist nun wirklich ein ziemlich persönlicher Artikel geworden. Eigentlich rede ich nicht gerne über diese Zeit, dieses „früher“, denn mein Selbstwertgefühl und mein Selbstbewusstsein hat damals sehr gelitten. Aber nun ist es vorbei und ich kann drüber reden 🙂

Eure,

PS.: Falls Ihr hier noch nicht so lange mitlesen solltet, schaut doch auch einmal hier, oder hier, oder hier rein 🙂