Im Gespräch mit Frau Dr. Heidrun Kieslinger, Ärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, Wolfsburg


 Interviewfragen zum Thema „Verhältnis werdende Mama und Frauenärztin – Menschlichkeit & Dankbarkeit“:

1) Man sagt „jede Schwangerschaft ist anders“. Ist auch für Sie jede Schwangerschaftsbetreuung anders?

In gewisser Weise ja, denn es ist jedes Mal ein „Sich-Einstellen-auf-die Patientin“. Ich versuche die Patientin da abzuholen, wo sie steht und gehe darauf ein. Ich versuche die Situation zu erfassen: War die Schwangerschaft erwünscht, war sie nicht erwünscht, wie ist die familiäre Situation etc. Dieses sich Einstellen auf die Frau hilft mir in meiner Arbeit und meiner Einschätzung. Insofern kann ich die Frage mit „Ja“ beantworten.

2) Ich freue mich immer, wenn 2-3 Minuten Zeit bleiben für bleiben für ein paar persönliche Worte und ich habe gerade das bei Ihnen immer geschätzt. Wie sehen Sie das? Können persönliche Worte die werdende Mama beruhigen oder vielleicht sogar stärken? Wie wichtig sind diese Worte?

Auch für mich sind diese Worte wichtig, sie schaffen mir den Zugang zu der Frau und werdenden Mama. Ich verstehe dadurch, wie es der Frau geht. Das persönliche Wort bricht, so empfinde ich es, das Eis und schafft für mich eine Atmosphäre der Entspannung. Mit einer solchen Atmosphäre ist es für mich, genauso, wie für die Frau einfacher.

3) Es war für Sie nie ein Problem, dass mein Mann und teilweise sogar unser Sohn bei den Untersuchungen dabei war. Wie wichtig ist Ihnen das Einbinden der Familie der werdenden Mama?

Sehr wichtig, denn es handelt sich ja jedes Mal um eine „werdende Familie“ oder eben eine „größer werdende Familie“. Wenn es mir gelingt, die Partnerschaft vielleicht ein wenig einzuschätzen, dann kann ich vielleicht auftretende Probleme oder Verläufe besser einschätzen und darauf reagieren. Außerdem finde ich es persönlich wirklich nett, die Familie (und da ist manches Mal sogar die Oma, Schwester oder Freundin dabei) dabei zu haben. Für mich ist das unproblematisch und behindert mich nicht in meiner Arbeit. Ich empfinde es so, dass meine Arbeit für mich ebenso wie die Patientin Stress wäre, wenn ich nur strikt nach Routine arbeite und Abläufe immer akribisch genau einhalte. Für mich ist die Grenze zwischen körperlichem und seelischem schwer zu definieren, denn wo soll sie sein diese Grenze? Insofern sind für mich das Einbinden der Familie, genauso wie das persönliche Wort sehr wichtig, denn jemand kann nur körperlich wirklich gesund sein, wenn er auch seelisch gesund ist und das ist für eine werdende Mama umso wichtiger.

4) Ich hatte immer das Gefühl, sie verstehen alles, weil sie selber Mama sind. Ist das so? Sehen Sie manches anders, weil Sie selber Mama sind? Haben Sie das Gefühl, besser verstehen und mitfühlen zu können, weil Sie selber Mama sind?

Ja, auf jeden Fall! Ich habe nach der Geburt meines ersten Kindes sogar oft gedacht: „Meine Güte, was hast du den Frauen früher unter der Geburt erzählt und gesagt, das hilft doch alles in der Praxis gar nicht, das ist Quatsch!“ Nach meiner ersten Geburt konnte ich alles, was man empfindet, fühlt und durchmacht nachempfinden und viel besser einschätzen. Und ich glaube, dass ich seither etwas anders reagiere und handle und andere Ratschläge gebe. Ich glaube, dass ich nun authentischere Ratschläge gebe und auch authentischer wirke.  Für mich ist das Wichtigste Hoffnung zu geben.

5) Als ich Ihnen zu Beginn meiner Schwangerschaft erzählte, dass es bei meiner ersten Schwangerschaft immer wieder Kontrollen gab wegen des Gewichtes und der Größe unseres Sohnes, da er sehr klein und zierlich war (sein Geburtsgewicht lag auch nur bei 2624 Gramm), sagten Sie „Gut, dass wir das wissen, dann werden wir uns jetzt auch gar nicht verrückt machen lassen, denn wir wissen ja, dass es ganz einfach erblich bedingt ist. Das hat mich beruhigt und mir geholfen. Wie wichtig ist das Ruhe bewahren und nicht verrückt machen lassen? Kann das Ruhigbleiben vielleicht manchmal sogar eine weitere oder zusätzliche Kontrolle zwar nicht ersetzten, aber eventuell überflüssig machen?

Ja, ich versuche immer die jeweilige Lage nach meiner 22-jährigen Erfahrung, gesundem Menschenverstand und auch Gefühl einzuschätzen und nicht nur die Pathologie in den Vordergrund zu stellen. Ich denke, dass dies auch der Frau die Angst nehmen kann. Ich versuche die Dinge immer erst einmal für mich zu betrachten und noch einmal zu überprüfen, bevor ich dann mit der Frau darüber spreche, denn mein Ziel ist es, die Angst zu nehmen.

Aber natürlich sind wir Ärzte auch Menschen, die auch Ängste haben und unterschiedliche Tagesformen. Und wenn man mit einer bestimmten Situation bereits schlechte Erfahrungen gesammelt hat, handelt man möglicherweise „vorsichtiger“, sprich „Kontrollen orientierter“.

Das oberste Ziel sollte aber das Beruhigen sein, ohne, dass jedes Wort, das man spricht auf die Goldwaage gelegt wird. Leider merkt man es nicht immer sofort und bewusst, wenn man jemanden beunruhigt hat, vor allem dann nicht, wenn man selber gar nicht beunruhigt war. Der Umgang mit den Reaktionen der Patientinnen oder auch der jeweiligen Begleitperson erfordert ein gewisses Training.

6) Als noch im ersten Trimester meiner Schwangerschaft mein Onkel, der für mich sehr wichtig war, verstarb und mir bei meiner nächsten Ultraschall-Untersuchung bei Ihnen die Tränen kamen, als ich die Herztöne unserer Tochter hörte – hatte doch gerade das Herz meines Onkels aufgehört zu schlagen, hatten Sie Verständnis, waren einfühlsam und haben zugehört. Wie wichtig ist das Verständnis haben, das Kurz Zuhören und Innehalten?

Extrem wichtig! Die Empathie, das Eingehen auf die Person, Einfühlen in den Moment sind für mich sehr wichtig. Denn ich sehe den Menschen im Ganzen. Jeder hat schon einmal Trauer erlebt und wünscht sich Verständnis, ein Mitfühlen. Nicht Mitleid, das nicht, denn das wäre wieder etwas anderes, aber das Mitfühlen, das Verstehen. So etwas ist natürlich auch eine persönliche Eigenschaft, ob man so etwas kann in dem Moment. Es gibt auch Menschen, die können das nicht. Ich sehe nicht primär nur die Schwangerschaft oder nur den Brustkrebs etc, sondern ich sehe die Patientin als Ganzes und möchte wissen, wie es ihr geht und deswegen frage ich auch immer, wie es den Geschwisterkindern geht, oder wie der Wieder-Einstieg Beruf war/ist/sein wird, um eben den ganzen Menschen zu sehen und verstehen.

7) Gott sei Dank kann ich hier nicht aus eigener Erfahrung sprechen, aber: Wie ist es, wenn alles anders kommt, wenn ein Ergebnis der Pränatal Diagnostik erschütternd ist oder aber, wenn eine Schwangerschaft nicht weitergeht und eine Mama ihr Baby verliert oder verloren hat. Was ist Ihnen dann wichtig? Fällt es schwer, damit umzugehen? Kann man als Arzt hier helfen?

Oft ist alles ein wenig abhängig vom Schwangerschaftsalter oder auch ob es überraschend kommt, oder eventuell vorhersehbar war. Auch hängt es davon ab, wann es passiert. Eine Schwangerschaft, die in der 6. oder 8. Woche abrupt zum Ende kommt, ist meist etwas eher zu verkraften, als wenn es in der 23. Woche oder noch später passiert. Es ist in jedem Fall eine besondere Situation, die sehr viel Feingefühl erfordert. Ich habe in meiner Praxis eine Art Code-System mit dem ich meinen Mitarbeitern signalisiere, wenn etwas nicht stimmt, damit diese die Frau auch entsprechend aufnehmen. Zum Glück hatte ich in all den Jahren nur wenige solcher Fälle. Aber wenn es so einen Fall gibt, ist mir sehr wichtig, der Frau Raum und Zeit zu geben. Im Allgemeinen verlasse ich nach dem Gespräch erst einmal das Behandlungszimmer und lasse ihr ein wenig Zeit. Ich versuche es immer so einzurichten, dass dann ein Raum zur Verfügung steht, der genutzt werden kann und in dem die Patientin dann auch nicht alleine ist, sondern jemand zum Trösten bei ihr ist. Ich lasse die Patientin telefonieren, ich versuche abzuschätzen, ob sie Hilfe braucht, ob sie die Praxis alleine verlassen kann, ob sie begleitet werden sollte.

8) Ich hatte bei Ihnen immer das Gefühl, Sie sind nicht nur Ärztin, sondern vorrangig einfach nur Mensch und sehen die Dinge menschlich. Welche Rolle spielt für Sie Menschlichkeit?

Ganz wichtiger Punkt. Mein Mann, der auch Arzt ist, hat das einmal sehr schön ausgedrückt. Er sagte, dass er sich auch als Heiler und Helfer sieht. Und diese Ansicht und Einstellung teile ich.

9) Ich kann für mich und uns als Familie sagen, dass wir sehr dankbar sind, Sie als unsere Ärztin und Begleiterin gehabt zu haben. Wie erleben Sie das? Erleben und erfahren Sie Dankbarkeit oder wird vieles als Selbstverständlichkeit erwartet?

Ja, ich erlebe Dankbarkeit, das kann ich nicht anders sagen. Die Patienten passen sich doch ja dem Arzt in gewisser Weise an. Es gibt sicherlich auch Leute, die mit meiner Art vielleicht nicht so klarkommen, aber ich erfahre viel Dankbarkeit. Wir bekommen eigentlich immer Geburts-Karten mit Bildern und so haben wir mitlerweile mehrere Fotoalben mit persönlichen Karten und Bildern, die auch für uns eine schöne Erinnerung sind. Für mich ist die Zufriedenheit meiner Patienten am wichtigsten. Ich schaue nicht auf wirtschaftliche Aspekte, ich mache es einfach selber gerne und freue mich, wenn die Frauen zufrieden sind, dann bin auch ich zufrieden.

10) Welchen Rat würden Sie einer werdenden Mama für die Schwangerschaft gerne „als Herzensanliegen“ mit auf den Weg geben? Und was sollte man bei der Arztwahl bedenken/beachten?

Ich habe den Eindruck, heute ist man ja nicht einfach nur schwanger, man geht dieses Projekt an und man plant es im Vorhinein, es ist ein stückweit auch ein event. Eine Schwangerschaft sollte man nicht als ein klassisches Projekt mit dem Dreischritt Planung/Zielsetzung – Durchführung – Nachbereitung sehen. Ich bin für mehr Entspannung, für ein mehr an „der Natur ihren Lauf lassen“. Ein Perfektionismus, wie er vielleicht im Berufsleben angebracht und üblich ist, geht so bei einer Schwangerschaft nicht. Eine Schwangerschaft ist ein natürlicher Vorgang und als solcher natürlich auch störungsanfällig. Es kommt manches anders als man denkt. Das muss nicht immer etwas Schlimmes sein, aber eben einfach anders als gedacht oder erwartet, das kann z.B. auch das Geschlecht des Kindes, oder ein anderer Geburtsweg sein. Und oft ist dann die Endtäuschung oder die Verzweiflung gross.

Die Arztwahl ist oft dadurch schwierig, dass die meisten Praxen überfüllt sind und man daher oft nicht mehr die freie Wahl hat. Von daher sollte man vielleicht schauen, dass man sich mit seinem Arzt/seiner Ärztin gut versteht. Wichtig ist aber in jedem Fall, dass man sich angenommen und gut aufgehoben fühlen sollte.

11) Eine abschließende Frage: Frau Dr. Kieslinger, Sie sind Ärztin aus Leidenschaft, richtig?

Ja, eindeutig ja. Ich wollte sogar ursprünglich Hausärztin werden und zwar so richtig auf dem Dorf und im „alten Sinne“ mit zu jeder Tages-und Nachtzeit gerufen werden können. Aber ich habe erkannt, dass dies mit einer eigenen Familie nicht möglich ist und so bin ich zur Gynäkologie gekommen und mache diese, meine Arbeit mit Leidenschaft. Dieser Beruf passt zu mir es ist im wahrsten Sinne des Wortes „mein Beruf“!

Herzlichen Dank, Frau Dr. Kieslinger, für Ihre Offenheit, Ihre Zeit und Ihr Vertrauen! Es hat Spaß gemacht und war sehr interessant!

Interview-Zusammenstellung und Idee: Kate Mata von Cocktail-kids-mom.com © 

Eure,