zuletzt gelesen: „Anna, die Schule und der liebe Gott“ von Richard David Precht – Buchvorstellung

Buchvorstellung - zuletzt gelesen

Ich habe es endlich geschafft: „Anna, die Schule und der liebe Gott“ ist ausgelesen! Es hat tatsächlich einige Wochen gedauert, bis ich damit durch war. Zum einen hatte ich nicht immer so viel Zeit zum Lesen, wie ich gerne gehabt hätte, aber das Buch ist auch definitiv kein Buch, dass man schnell und mal eben so nebenher lesen kann. Man braucht Zeit und Konzentration für dieses Buch, man muss mitdenken, sich erinnern und manchmal vielleicht auch googeln oder nachschlagen. Und so komme erst nun zur Buchvorstellung – denn dieses Buch ist es wert vorgestellt zu werden.

Buchvorstellung - zuletzt gelesen - ausgelesen

Das Buch ist sicherlich kein Leichtes, oft kommt man in Versuchung zu denken: „ok, ich leg es jetzt mal zur Seite und lese mal noch was anderes zwischendurch“. Aber wie könnte es auch leicht sein und es einem einfach machen, es handelt schließlich von der Schule, vom deutschen Schulsystem.

Precht stellt das deutsche Schulsystem in vielen Punkten in Frage. Er zeigt in seinem Buch, welche Auswirkungen es auf unsere Gesellschaft hat, wenn das System so bestehen bleibt, wie es ist. Nicht nur dass, er führt auch auf, wo und was nun bereits im Argen liegt in unserer Gesellschaft.

Manches, von dem, was er sagt, ist möglicherweise etwas gewagt, weil er sehr direkt ist und die Dinge auf den Punkt bringt und konkret beim Namen nennt. Das, was man liest ist natürlich in gewisser Weise unbequem. Es führt einem vor Augen, was passiert, wenn man nichts tut, wenn es keine Reform gibt, wenn alles so weiterläuft.

Neben der Aufhebung der 45 Minuten Taktung des Unterrichts fordert Precht Projekte statt Fächer, Unterricht im Team (auch altersübergreifend), Lehrer aus dem Leben (Menschen, die Spezialisten ihres Faches sind, Menschen, mit großem Erfahrungsschatz) und mehrere Lehrer/Begleitpersonen in einer Klasse, die Aufhebung des bisherigen Notensystem und die Einführung einer persönlichen Note und die Auflösung des dreigliedrigen Schulsystems.

Er begründet seine Forderung mit folgenden Prinzipien:

  1. die intrinsische Motivation des Kindes muss gepflegt und nicht zerstört werden.
  2. ein Kind soll individuell lernen dürfen
  3. die Welt des Wissens soll nicht einfach als Stoff oder Fach gesehen werden, denn das bedeutet in einem beengten Rahmen zu lernen
  4. die Bindung: Eine belegte Einsicht aus der Lernpsychologie besagt, dass Kinder umso freudiger und leichter lernen, je besser sie in der Gemeinschaft aufgehoben sind. Dabei ist nur die Frage, ob diese Gemeinschaft tatsächlich aus Jahrgangsklassen bestehen muss. Dies ist sicherlich für die ersten Jahre sinnvoll, sollte jedoch nach Precht für spätere Jahre nicht zwingend notwendig sein.
  5. das Schaffen einer Beziehung-und Verantwortungskultur an den Schulen
  6. das Fördern von Werten und Wertschätzung
  7. das Schaffen einer lernfreundlichen Schularchitektur
  8. das Trainieren und Pflegen der Konzentrationsfähigkeit
  9. eine persönliche Bewertung von Schülern
  10. das Einrichten eines Ganztags-Schulsystems

Es würde hier zu weit führen, alle Punkte im Detail zu erklären – dann könnte ich sozusagen die Hälfte des Buches hier wiedergeben mit allen Beispielen. Aber allgemein gesprochen würde ich sagen: Precht möchte eine Schule, die mehr auf den einzelnen Menschen schaut, als alle im Gleichschritt marschieren zu lassen. Precht möchte mehr Praxis und weniger Theorie oder zumindest ein Mehr an angewandter Theorie. Er möchte die regide und strikten Raster, in die Schüler, wie Lehrer durch die 45 Minuten Taklung, die Einteilung des Stoffes in Fächer, die Einteilung der Kinder in Jahrgänge gezwängt werden aufheben. Er möchte nicht zuletzt auch Werte und nicht nur Wissen vermittelt wissen. Es geht ihm darum, dass jeder Schüler ein bestimmtes Minimum an Allgemeinwissen, an Grundwissen and Bildung erreicht. Dieses Minimum soll genau definiert sein, der Weg und die Zeit, die der jeweilige Schüler hierzu braucht sind variabel. Nach dem Erreichen dieses Minimums, kann entweder eine Lehre angeschlossen werden, oder aber die gymnasiale Oberstufe und daran das Studium.

Alles, was Precht vorschlägt, ergibt in meinen Augen einen Sinn. Ich kann nicht anders, als zu sagen: Der Mann hat Recht mit seinen Einschätzung zu unserer Gesellschaft.

Precht vergleicht viel mit dem skandinavischen Schulsystem. Auch führt er viele Beispiele von Experimenten und Pilot-Projekten in den USA an. Er geht auf die Historie des deutschen Systems ein, das System ist im Prinzip bis auf ein paar kleinere Änderungen tatsächlich noch aus der Zeit der Preußen. Die Gesellschaft damals war eine ganz andere als heute, der preußische Bürger mußte ganz anderen Anforderungen genügen, als ein Bürger heute. Auch gibt es heute ganz andere Herausforderungen. Viele Berufe von früher gibt es heute gar nicht mehr und ebenso wird es viele Berufe, die es heute noch gibt, bald nicht mehr geben. Irgendwann werden z.B. Reisebüros etc wegfallen, weil alles online laufen wird, ähnlich wird es mit Banken sein.

Mein Fazit: Es ist ein absolut interessantes Buch, aber man braucht einen langen Atem, um sich durchzuarbeiten (aber das liegt wohl in der Natur der Sache)!

Ich war zu dem Buch gekommen, nachdem ich begonnen hatte, mehr oder weniger regelmäßig Gesprächsrunden, in den Precht beteiligt ist, zu schauen. Seine Thesen haben mich interessiert, seine Logik hat mich überzeugt und seine Philosophie entspricht meinen Idealen und Werten.

Zudem kann ich sagen, dass wir persönlich mit Champ einige der Ecken und Kanten des deutschen Schulsystems zu spüre bekommen haben. Das Thema Unterforderung und Langeweile ist ein großes Thema bei uns. Auch die 45 Minuten Taktung ist für Champ nicht immer ideal und die Trennung des Stoffes in einzelne separate Fächer sicherlich ebenso wenig.

Eine Schule nach Prechts Idealen wäre eine schöne Schule, es wäre eine Schule mit Toleranz, Respekt und Individualität, die Raum läßt für Kreativität und die für bestimmte Werte steht. Es wäre eine Schule, die Spaß machen würde!

Und es ist möglich sie umzusetzen, es braucht nur etwas Mut und viel Einsicht, vor allem Einsicht an gewissen Stellen : )

Eure,

PS.: Falls Ihr hier noch nicht so lange mitlesen solltet, schaut doch einmal hier, oder hier, oder hier rein! : )

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