“Mama, die Kurve von Sebastian geht total im Zickzack” oder “Ich möchte mich von Dir fernhalten”

 

Es war wieder einmal eines unserer Badezimmergespräche.

Princess schlief schon, Champ saß auf der Toilette, war dort gerade fertig und begann allmählich, sich auszuziehen.

Plötzlich sagt er zu mir: “Mama, die Kurve von Sebastian (fiktiver Name, ich nenne den Jungen hier nun Sebastian, es ist weder sein richtiger Name, noch hat der Name irgendeine Bedeutung oder Bezug zu jemandem) geht total im Zickzack und der Sebastian hat sein Lächeln verloren!”

Ich wusste zwar sofort genau, wen Champ meinte, und in der Tat war auch mir schon aufgefallen, dass mit diesem Kind in letzter Zeit etwas “komisch” war und es sich zunehmend merkwürdig verhielt. Aber Champ und ich hatten darüber nie gesprochen. Ich hatte es bewusst vermieden. Entsprechend war ich überrascht, über die Art, wie mein Sohn mir den Sachverhalt erklärte. Er sagte: “Guck mal Mama, jeder Mensch hat doch so eine Kurve. Normalerweise geht die Kurve immer so mehr oder weniger geradeaus, manchmal wackelt es ein bisschen, aber nicht so viel. Aber die Kurve von Sebastian geht total im Zickzack (und fuchtelt wild mit den Händen und Armen, um es zu verdeutlichen) immer rauf und runter. Und mir ist aufgefallen, er hat sein Lächeln verloren, er lächelt und lacht nicht mehr und er ist irgendwie komisch”.

Das war etwas extrem Schwieriges und nicht Greifbares so einfach und anschaulich erklärt, dass ich im ersten Moment nicht wusste, was ich antworten sollte, was und ob ich überhaupt etwas erklären sollte.

Champ nahm mir die Entscheidung ab, indem er fortfuhr: “Ich verstehe den Sebastian manchmal nicht. Guck mal Mama, z.B. letztens als Sebastian unter der Treppe gespielt hat, da wollte ich irgendwann auch unter die Treppe zu den anderen, weil wir eine Idee hatten, was wir spielen wollten. Und dann hat Sebastian zu mir gesagt: ” Ich möchte mich von Dir fernhalten!” und ist weggegangen, hat nicht mehr mitgemacht. Und an einem anderen Tag habe ich seinen Dino auf der Toilette neben dem Waschbecken gefunden. Ich hab’ den Dino genommen und zu Sebastian, der an der Großen Tür vorne beim Ausgang stand, gebracht. Ich habe gesagt: “Guck mal, Sebastian, ich habe Deinen Dino auf der Toilette gefunden” und hab’ ihm den Dino gegeben. Sebastian hat ihn genommen und ganz weit in den anderen Gang geworfen. Da bin ich weggegangen. Später hat Maria den Dino gefunden und in unsere Gruppe gebracht. Von ihr hat Sebastian ihn dann genommen!”

In diesem Moment tat mir mein Champion leid. Mir tat es leid, dass er diese Erfahrung hatte machen müssen, dass er in dieser Situation gewesen war. Ich kann und konnte ihn nicht davor bewahren. Er hat die Erfahrung gemacht, weil es ebenso passierte und er hat viel dabei gelernt. Ich habe ihn erst einmal nur in den Arm genommen. Und dann habe ich ihn gefragt, was er denn dann in dem Moment unter der Treppe gemacht hat. Seine Antworte war: “Na weitergespielt, was denn sonst?” Als er das sagte, war ich froh und auch stolz auf ihn und habe ihm gesagt, dass das gut so war und dass ich hoffe, dass er Spaß hatte.

Dann habe ich ihm erklärt, dass Sebastian vielleicht manchmal bestimmte Launen hat und dass das aber gar nichts mit ihm zu tun hat, sondern dass es Zufall war, dass gerade bei ihm die Laube schlecht war, als er ihm den Dino geben wollte, aber bei Maria eben nicht.

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Champ hat das so angenommen und gemeinsam haben wir beschlossen, Sebastian seine Ruhe und seinem Raum zu lassen. Champ schien auch nicht traurig oder bedrückt zu sein, sondern fand das Ganze scheinbar natürlich, normal und einfach zu lösen.

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Mich hatte dieses Gespräch aber dennoch “komisch” gestimmt, weil es für mich – abgesehen davon, dass mir bewusstwurde, dass dieses Kind ernsthafte Probleme hatte–, dass der Satz “ich möchte mich von Dir fernhalten” wohl eher von der Mutter, als vom Kind direkt stammte.

Ich habe lange darüber nachgedacht, und oft enttäuscht und besorgt festgestellt, dass ich diese Art von Erfahrungen für Champ nicht möchte, es ihm ersparen möchte, ihn nicht damit in Berührung kommen lassen möchte.

Nachdem ich auch mit den Erzieherinnen über alles gesprochen hatte, und auch hier den Rat erhielt, es nicht persönlich zu nehmen, habe ich mich letztlich dagegen entschieden, die Mutter nochmals anzusprechen. Ich hatte gemerkt, dass sie, aus welchen Gründen auch immer, nicht wirklich reden wollte. Sie war mit ihrer Situation beschäftigt und diese ließ ihr keinen Raum für Andere und andere Sichtweisen.

Trotz allem hat mich diese Situation und Entwicklung sehr bewegt, traurig und auch nachdenklich gemacht. Denn es tat mir nicht nur mein Kind leid, sondern vor allem auch das Kind dessen Kurve im Zickzack ging.

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Für mein Kind war, es so muss ich mir letztlich sagen, eine lehrreiche und vielleicht ein stückweit prägende Erfahrung, die er gut gemeistert hat.

Aber wo Sebastian steht und was er braucht kann ich aus der Entfernung nur schwer beurteilen.

Mir hat all dies auf eindrucksvolle Weise klargemacht, wie viele Kinder in irgendeiner Weise ein schweres Päckchen zu tragen haben in ihren Familien und viele Familien Hilfe bräuchten. Diese Hilfe würde zumeist sicherlich lediglich aus dem Austausch, aus Gesprächen, Anregungen und Zuhören, bestehen.

Dieses Erlebnis war eines der Schlüsselerlebnisse, die mich dazu bewogen haben, dieses Blog Projekt zu starten, und hat letztlich bei mir zu dem Wunsch geführt, pädagogisch zu arbeiten, mit Kindern zu arbeiten. Dann darf ich mich wenigstens auch “legal” mit Bilder-und Kinderbüchern befassen;-)

Wie ist das bei Euch? Hattet Ihr schon einmal ein Erlebnis solche Art? Hört Ihr zu, schaut Ihr hin, besprecht Ihr offen “komische” Dinge/Situationen, oder haltet Ihr es für sinnvoller, sie zu umgehen?

Ich habe über diesen Artikel lange nachgedacht, vor allem deswegen, weil er eine “3. Person” beinhaltet, über die ich schreibe. Ich habe mich trotzdem für den Artikel entscheiden, weil das Erlebnis für mich sehr wichtig und prägend war. Alles was ich geschrieben habe, möchte ich unbedingt wertfrei verstanden wissen. Jeder hat eine andere Meinung und das ist auch gut so und dazu hat auch jeder das Recht.

Bei mir hat dieses Erlebnis ausgelöst, dass ich einige Dinge erkannt habe und entsprechende Schlüsse für mich gezogen habe.

Eure

kate