Von Haustieren und Lebkuchen

 

Es war neulich an einem ganz normalen Tag, einer der Tage, wo man es am Morgen nicht geschafft hat, zu duschen und die Haare zu waschen und es somit auf den Abend verlegt hat.

Als Princess also schon im Bett und auch ruhig geworden war, sage ich zu Champ: “Ich geh’ mal eben duschen, ok? Du bist ja im Moment hier noch beschäftigt. Ich bin im Bad, die Tür ist offen, wenn was ist, dann komm’ einfach und sag Bescheid!”

Champ: “Ok, Mama!”

Ist ja auch nicht das erste Mal, dass wir das so machen.

Als ich unter der Dusche stehe, ruft aber eine kleine Champ Stimme plötzlich aus der Küche: “Mama, darf ich noch einen Nachtisch haben?”

Ich: “Ja, darfst du, Du kannst dir das dann selber rausholen, aber nimm Dir bitte ein Schlüsselchen!”

Champ: “Darf ich etwas aus der Plastikbox, die hier steht?”

Ich: “Ja, da ist Lebkuchen drin. Du musst dann die Dose einmal rausholen, öffnen und die Lebkuchenverpackung einmal aufschneiden.”

Ich fange endlich an, meine Haare zu waschen.

Es bleibt auch erst einmal ruhig in der Küche und ich denke, es geht alles seinen Gang. Inzwischen ist mein Kopf voller Shampoo, als ich plötzlich ein Jaulen aus der Küche bemerke. Das klingt nicht gut.

Ich frage: “Champ, was ist los? Wenn du Hilfe brauchst, dann komm her!”

Ich bekomme statt einer Antwort nur ein noch lauteres Jaulen und Gequake zu hören.

Also versuche ich es noch einmal, keine Reaktion, außer gesteigerter Lautstärke.

Ich überlege kurz, was ich tun soll. Schnell in die Küche rennen geht nicht, ich bin nass und mein Kopf voller Shampoo und überhaupt ist das ja sowieso nicht “die Lösung”.

Ich warte ab, es fängt aber an, mich zu nerven. Es ist genau der Ton, der meine Ohren manches Mal zum Platzen zu bringen scheint.

Ich setze noch einmal an, diesmal allerdings leicht verärgert: “Champ, komm her, ich helfe Dir! Was ist denn überhaupt los?” Darauf jault es aus der Küche: “Der Deckel geht nicht auf!”

Also versuche ich meinen Sohn aus der Dusche, während ich beginne, meine Haare auszuspülen, dazu zu bewegen, zu mir ins Bad zu kommen, damit wir die Dose gemeinsam öffnen.

Irgendwann steht er tatsächlich auf der Matte vor mir, um dann gleich wieder beleidigt zu verschwinden, weil ich ja immer noch Haare ausspüle und er 30-60 Sekunden warten soll.

Im Wohnzimmer geht das Jaulen hemmungslos weiter.

Inzwischen bin ich aus der Dusche und auch schon abgetrocknet. Ich überlege kurz, ob ich schnell in den Bademantel schlüpfe und ins Wohnzimmer renne. Ich entscheide mich dagegen, denn ich hatte auch einen Plan und wenn ich schon am Morgen nicht duschen konnte, dann darf ich es jetzt und darf mich auch fertig machen mit eincremen etc. bevor ich wieder zur Stelle bin. Es dauert ja auch nicht lange und irgendwann müssen wir ja auch diese Geduld einmal lernen!

Ich mache mich also im Schnelldurchgang fertig und gehe langsam rüber ins Wohnzimmer. Noch weiß ich selber nicht, wie ich reagieren werde. Ich könnte die Dose einfach öffnen, dann wäre wahrscheinlich der ganze Spuk vorbei. Aber das will ich jetzt gerade eben nicht, sondern beschließe mit Champ das Dose-Öffnen zu üben.

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Vielleicht in dem Moment eine Schnappsidee, aber ich hatte das Gefühl, ihm zeigen zu müssen, wie es geht, wie er es selber schaffen kann. Also nehme ich die Dose und zeige es ihm langsam. Er probiert’s total hektisch und verkrampft und es klappt natürlich nicht, die Dose bleibt zu. Ich versuche es noch einmal und sage: “Wir versuchen es noch einmal, aber es klappt sicher nur, wenn Du ruhig bist und es in Ruhe noch einmal versuchst.” Aber ja klar, wie soll das gehen, nach so einem Auftritt und so einer Aufregung, etwas in Ruhe zu machen?

Also wird es Chmap bei dem Wort “Ruhe” zu bunt und er sagt verärgert: “Mama, ich bin doch kein Haustier, was immer irgendwelche Prüfungen bestehen muss und dem man die Wurst immer höher hängt?”

Wow, das hat gesessen, das hatte ich nicht erwartet, aber vor allem: Das war nicht meine Absicht!

In Sekundenschnelle trete ich innerlich einen Schritt zurück und sage: “Champ, das tut mir leid, so war das nicht gemeint. Natürlich bist Du kein Haustier und Du musst auch keine Prüfungen bestehen. Ich wollte Dir helfen, zu lernen, es selber zu schaffen, das war alles.”

Dann haben wir die Dose geöffnet und er hat ein Stück Lebkuchen gegessen.

Danach haben wir Zähne geputzt und dann haben wir unsere Gefühlsmonsterkarten aus dem Gefühle Kartenspiel herausgenommen.

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Ich habe ihn gefragt, wie er sich in der Situation gefühlt hat, und welches Kärtchen dazu passen würde. Er hat mir das traurige mit Tränchen gezeigt. Ich hatte erwartet, das rote Wutmonsterchen zu sehen.

Ich selber habe auch das lila, traurige Monsterchen genommen, aber auch das leicht rote, was ein wenig verärgert ist, und habe ihm meine Gefühle versucht zu erklären.

Gemeinsam haben wir festgestellt, dass wir in Zukunft etwas achtsamer sein sollten mit den Gefühlen des anderen, und ich für mich, wie ich eine Situation einschätze und was ich meinem Sohn, wann zumuten kann.

Wie ist das bei Euch?

Habt Ihr Euch auch schon einmal nach einer Situation mit Euren Kindern schlecht gefühlt, weil Ihr “Euren Kopf” durchsetzen wolltet, die Situation dazu aber gerade eher unpassend war?

Eure,

kate