Nachbarschaft


Heute schreibe ich über etwas, das mir schon eine ganze Weile im Kopf herum geht, vielleicht deswegen, weil ich es einige Jahre lang gar nicht hatte und nicht erfahren habe:

Nachbarschaft

In unserer Zeit in den Emiraten gab es so etwas wie Nachbarschaft nicht. Wir haben in einem der Hochhäuser (auf der 7. Etage) in der Stadt gewohnt. Um uns herum wohnten arabische Menschen (es gab auf unserer Etage 3 weitere Wohnungen), jedenfalls der Kleidung nach zu urteilen. Wir haben nie mit den Leuten gesprochen, kannten deren Namen nicht, wußten nicht woher sie kamen, wo sie arbeiteten oder was sie sonst so machten. Wir haben einfach so nebeneinander her gelebt ohne uns in die Quere zu kommen, aber auch ohne uns kennen zu lernen.

Das lag nicht daran, dass wir kein Interesse gehabt hätten, diese Menschen kennen zu lernen oder dass wir den Kontakt nicht wollten. Es war eben einfach so, denn es war schwer einzuschätzen, ob die Nachbarn es gewollt hätten, das Kennenlernen. Wir waren das einzige Paar auf der Etage, ohne traditionelle, arabische Kleidung (Dishdasha, Kandura, Burka & Abaya). Ich war die einzige Europäerin, die einzige Frau ohne Kopftuch. Wir waren das einzige „gemischte“ Paar („where east mets west“), die einzigen, die oft zusammen ankamen oder gingen.

Vor allem als westliche Frau hält man sich in solche einem Umfeld eher zurück, aus Angst, ein normales Gespräch, nachbarschaftliches Verständnis oder Hilfe könnten falsch verstanden und interpretiert werden.

So hatten wir zwar keine Probleme oder gar Streit etc mit unseren Nachbarn, sondern eben gar kein Verhältnis, es lief alles friedlich nebeneinander her ohne Kontakte.

Vielleicht war es besser so, vielleicht hätte man es anders machen können. Keine Ahnung, es war so wie es war.

Ich erinnere mich nur bewußt an ein „Treffen“ mit einem Nachbarn, was eher ein „Zusammenstoß“ war: Ich hatte gerade die Tüte mit dem Abfall in die Müllklappe auf dem Gang geworfen, drehte mich rum und war auf dem Rückweg zu unserer Wohnungstür. Es waren nur ein paar Schritte und ich war total in Gedanken und schaute auf den Boden. Ich habe nichts um mich herum und vor mir bemerkt und bin so volle Kanne (!!) in einen ziemlich großen, jüngeren arabischen Mann in traditioneller Dishdasha gelaufen, der auf einmal da war. Ich habe mich zu Tode erschrocken, bin glaube ich kreideweiß geworden und habe zu allem Überfluss auch noch vor Schreck aufgeschrieen und anschließend dann „I am so sorry“ gemurmelt. Der Mann, der wohl ein Nachbar war und auf dem Weg in seine Wohnung war, war zwar genauso überrascht, wie ich, fing aber nach 3 Sekunden und meiner Reaktion, laut an zu lachen und meinte „no Problem, all is fine“.

Weil ich Nachbarschaft in Abu Dhabi nicht hatte, nehme ich sie hier vielleicht noch bewußter war. Ich glaube auch, dass eine gute Nachbarschaft selbst hierzulande nicht unbedingt selbstverständlich ist. Obwohl ich ja immer der Meinung bin, dass, vieles an einem selber liegt.

Und wenn ich Champ den Nachbarschafts-Song von unserm Freund Elmo (da ist er wieder, der hatte uns ja auch schon das mit der Gelassenheit so gut erklärt) aus der Sesamstrasse trällern höre:

„Ja, in der Nachbarschaft, der Nachbarschaft, passiert fast jeden Tag etwas, wir singen, tanzen, springen, lachen, wie gute Freunde das so machen. Ja, in der Nachbarschaft….“, denke ich immer, ich bin so froh, dass wir diese Nachbarschaft haben, die wir haben!

Denn es gibt bei uns im Haus niemanden, der nicht nett ist. Und wenn

  • man einmal ein paar Eier oder ein Kilo Mehl etc braucht,
  • man jemanden braucht, der einmal für 1-2 Stunden auf ein oder beide Kinder aufpasst,
  • man jemanden braucht, der einem hilft die im gebrochene Stange im Kleiderschrank wieder zu richten,
  • man jemanden braucht, der die Blumen gießt & den Briefkasten leert, wenn man nicht da ist,
  • man jemanden braucht, der einem eine Pinzette oder Zeckenzange leiht,
  • man jemanden braucht, der einem ein paar Kleinigkeiten aus dem Supermarkt mitbringt,
  • man mal einen Rat braucht und reden möchte
  • und so vieles mehr,

dann geht das immer bei uns im Haus und dafür bin ich dankbar.

Ich habe ja zwei absolute Lieblingsnachbarinnen, die eine ist die Weltbeste Nachbarin und die andere ist die Weltnetteste Nachbarin und das schöne ist: Meine Kinder lieben die beiden auch total : ) Champ sagte einmal, als er gerade 3 war „Nein Mama, von hier umziehen geht nicht. Ich muss immer wissen, dass die Weltbeste Nachbarin direkt neben mir ist, ich muss die neben uns fühlen können!“ Ist doch schön, oder? Oder vor Kurzem: „Mama, es wäre mir auch egal, wenn jede Woche einmal Elternsprechtag wäre, dann würde ich einfach jede Woche einmal spielen gehen : ) “

Für all das, für diese Verlässlichkeit, diese Hilfsbereitschaft, diesen Zusammenhalt, diese Ehrlichkeit, diese Unterstützung, diese Gegenseitigkeit bin ich dankbar, denn das ist wirklich nicht selbstverständlich, sondern eine Art Geschenk, auf das man Acht geben sollte : )

In diesem Sinne, seid nett zu Euern Nachbarn, lasst die Verbindungen nicht reißen, ist so wie bei den Luftschlangen aus meinem Wochenend Post ; ) solange wir achtsam miteinander umgehen, ist alles gut, keine Verbindung reißt, nichts geht kaputt, die Luftschlangen sind heil und schön!

Und eigentlich braucht man doch all diese Verbindungen als Mama noch viel dringender, denn wie oft wird man als Mama mir Überraschungssituationen konfrontiert, die es zu lösen gilt.

Eure,

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