Hochbegabung oder „Mein Entschluss zu reden“

 

Lange Zeit habe ich mich nicht getraut, darüber zu reden. Ich hatte Angst davor und ich war verunsichert. Ich hatte das Gefühl, es ist wie ein Stigma mit dem man gestempelt ist und aufgrund dessen man gemieden wird:

Die mögliche Hochbegabung bei Champ. Ich sage deswegen, „mögliche“, weil wir es letztlich nie als solches haben testen lassen. Unser Kinderarzt hatte Champ mit knapp 5 Jahren als schulreif eingestuft. Champ hat dann (ohne dass er wusste, dass dies ein Test war, für ihn war das alles Teil der alljährlichen Untersuchung) einen allgemeinen Test beim Kinderarzt durchlaufen, der eindeutig in diese Richtung zeigte. Da auch der Kinderarzt meinte, eine Hochbegabung sei letztlich in diesem Alter schwer einzuschätzen und festzustellen und Champ müsse dann wahrscheinlich psychologische Tests durchlaufen, hat mir/uns das so ausgereicht. Denn psychologische Tests etc wollten wir Champ ersparen, er soll seine Kindheit haben und so sein dürfen, wie er ist.

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Wir wußten:

Champ hat mit 2 Jahren in ganzen, zusammenhängenden Sätzen richtig gesprochen.

Er hatte mit 3 Jahren, als der Kindergarten für ihn begann, einen ziemlich umfangreichen Wortschatz.

Dadurch, dass es bei uns 2-3 sprachig zugeht, spricht Champ auch englisch.

Trotzdem haben wir uns gegen eine Einschulung mit gerade 5 (Champ hat im Mai Geburtstag und ist somit kein Kannkind und auch nicht mit bei den Ältesten in seinem Jahrgang) entschieden. Champ wollte unbedingt im Kindergarten seine lang ersehnten Vorschulprojekte mitmachen und auch ein Jahr lang Vorschulkind sein. Und ich wollte ihm nicht ein Stück seiner Kindheit nehmen. ich wollte ihm dieses Jahr mit den Projekten, auf die er so lange gewartet hatte, ich wollte ihm seine Spiel und Tobezeit lassen.

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Auch wenn er sich jetzt manchmal in der Schule langweilt, glaube ich, dass es besser so war.

Es war ein Jahr mehr Kindheit.

Aber es war für mich keine leichte Zeit. Oft war ich verunsichert, war es die richtige Entscheidung?

Bei jedem Entwicklungsgespräch in der Kita wurde mir gesagt, dass Champ sprachlich und kognitiv mehr als 1 Jahr seiner Zeit voraus ist. Auch motorisch, vor allem feinmotorisch ist er weiter. Aber es wurde jedesmal betont, am Sozialen sollte gearbeitet werden:

Wenn Champ mit Aufgaben in den Vorschulprojekten früher fertig war, konnte es passieren, dass er Quatsch macht und/oder andere ablenkt.

Wenn ein Buch zum drittenmal in Folge vorgelesen wurde, konnte es passieren, dass Champ herumalbert.

Im Kreis kam es oft vor, dass er dazwischen gequatscht hat, weil er zu jedem Thema etwas zu sagen hat.

Wenn ein anderen Kind Champ gereizt hat und nicht gehört hat, wenn er mit „lass mich in Ruhe“ oder „lass das sein“ reagiert hatte, konnte es passieren, dass Champ schubst, oder mit dem was er gerade in der Hand hatte, schlägt.

So oft war ich verunsichert, weil mir immer wieder dies und das erzählt und berichtet wurde. Ich hatte das Gefühl, alle Mamas gucken argwöhnisch nach mir, grüßen mich teilweise nicht mehr.

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Bis ich irgendwann gedacht habe:

„Irgend etwas stimmt hier nicht! Ja mein Kind ist ein helles Köpfchen, aber er ist nicht aggressiv und unsozial“, denn:

  • welcher 5-jährige, kleine Junge wird nicht irgendwann stocksauer und rastet aus, wenn er immer weiter gereizt wird?
  • welcher 5-jährige, kleine Junge regelt alle Konfliktsituationen ausschließlich verbal und das möglichst mit wertfreier Kommunikation?
  • welcher 5-jährige kleine Junge möchte nicht im Kreis von seinen Erfahrungen erzählen, wenn etwas besprochen wird, was er kennt oder gemacht hat?

Obwohl Champs Erzieherinnen total lieb waren und ich glücklich war, dass Champ genau diese beiden hatte, hatte ich oft das Gefühl „mit meinem Kind stimmt etwas nicht“, es wird ständig kritisiert.

Das hat mich gestört und oft versichert.

Ich habe viel nachgedacht und gelesen, aber eben nicht mit anderen Eltern gesprochen, weil ich Angst hatte vor der Reaktion.

Bei allem wollte ich immer nur, dass Champ Spaß hat und normal und altersgerecht behandelt wird.

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Und dann habe ich mir gesagt:

Mein Kind ist ganz normal und hat auch keine „Schwächen“ im Sozialverhalten. Er ist zwar ein helles Köpfchen, aber er ist zunächst einmal auch Kind, einfach nur Kind. Und Kinder machen nun mal alles Mögliche. ich weiß ja nicht mal, ob er wirklich hochbegabt ist, denn wie stellt man das überhaupt fest, wer gibt da die Grenze, die Norm vor?

Er darf doch trotz allem Kind sein, Quatsch machen und nicht immer alles richtig machen. Man sollte ihn auf seinem Level ernst nehmen und ihm seine Individualität lassen.

Denn schließlich:

  • teilt Champ sein Essen immer gerne mit jedem
  • räumt Champ oft auch für Princess auf
  • hat Champ Angst vor allem, was irgendwie gefährlich sein könnte und traut sich nichts
  • hat Champ mir jedesmal gerufen, wenn Princess etwas gemacht hat, was für sie hätte gefährlich werden können

Das sind doch keine Schwächen im Sozialverhalten.

Nun ist er in der Schule, die ersten Wochen Schule sind vorbei und es geht mit besser, denn: Keine Beschwerden mehr über mein Kind.

Er bekommt nun Zusatzaufgaben und darf mehr arbeiten als die meisten anderen. Allerdings weiß ich auch hier, dass möglicherweise im Fach Deutsch eine kleine Zeitbombe tickt, weil er sich dort oft langweilt.

Diese Dinge bereiten mir Sorgen.

Unser Kinderarzt hat die Angewohnheit, laut zu denken. So sagte er in einem unserer Gespräche beläufig: „Intelligenz ist nicht immer ein Segen, sondern kann auch ein Fluch sein“.

Diesen Satz habe ich nun leider seither bei allem, was passiert, immer im Kopf und er bereitet mir Sorge.

Es muss doch auch Wege für intelligente Kinder geben, auf ihrem Level begeistert lernen zu dürfen und trotzdem auch als Kinder gesehen und verstanden zu werden, ohne ständig kritisiert zu werden wegen diesem oder jenem Verhalten!

 

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Champ liebt doch auch das Toben auf dem Schulhof und mit den anderen Kindern und das soll er ja schließlich auch!

Und er ist trotz aller Intelligenz eben auch ein kleiner 6 jähriger Junge, der Flausen im Kopf hat und Quatsch macht.

Und irgend einen Blödsinn machen doch alle Kinder, sonst wären es doch keine Kinder, oder?

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Kennt Ihr so etwas auch, kennt Ihr dieses Verunsichert sein? Habt Ihr Erfahrungen mit Hochbegabung – wie geht Ihr damit um, was hilft bei Euch?

 

Eure,

kate

 

 


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2 Gedanken zu “Hochbegabung oder „Mein Entschluss zu reden“

  1. Hallo Liebe „Kate“,

    Das ist der erste Bericht den ich von dir lese. Ich finde ihn sehr treffend und freue mich darüber, dass du einen so umsichtigen Kinderarzt und doch relativ kooperative Lehrer für deinen Camp hast.
    Ich schaue auf meine kleine Schwester (16 Jahre) und muss sage, sie war auch ein besonderes Kind und ist noch immer die tollste Schwester auf der ganzen Welt.
    Nur manchmal war ich stark verunsichert. Wie gehe ich mit ihr um?
    In einem gemeinsamen Urlaub wachte sie auf und fing an darüber zu erzählen: Wenn es auf diesem und jenen Planeten Kohle regnen würde, dann würden dort wegen des großem Drucks Diamanten auf den Boden fallen. Ich saß mit offenem Mund da und wusste erstmal nicht weiter. Was antworte ich darauf?
    Als sie noch ein kleines Mädchen war, bin ich mit ihr stundenlang im Dorf unterwegs gewesen. Ihre Fragen zu allem möglichen Dingen wollten nicht enden. Ein unendlicher Wissensdurst und dann doch so schnell gelangweilt.

    Über die Jahre wurde sie immer stiller, zog sich zurück, hatte kaum mehr soziale Kontakte. Das Gehabe der Mitschüler war ihr zu kindisch.Sie baute sich eine soziale Welt über das Internet auf. In der Schule langweilte sie sich unendlich. Zusatzblätter erledigte sie in wenigen Minuten. Sie verschlang während des normalen Unterrichts Bücher und trotzdem war sie ein Top Schüler. Der Schulfrust wurde immer größer und ihre Augen immer schlechter.

    Augen?
    Ja, die Langeweile brachte meine Schwester dazu sich mit ihrem Körper auseinander zusetzten und hat ihr eigenes Gehirn überlistet. Sie sah doppelt, hatte Köpfweh usw. Kein Arzt konnte uns helfen. Letztendlich war meine Mama mit ihr bei einer Sehschule. Dort kam der entscheidende Hinweis. Die Vermutung einer Hochbegabung. In der Verzweiflung nah meine Mama jeden kleinen Hinweis an. Sie wollte meiner kleinen Schwester helfen und andere Krankheiten ausschließen. Also … Auf zum IQ- Test.
    Die Psychologin war nach den Testeinheiten vollkommen KO. Meine Schwester kam mit einem strahlendem Lächeln zurück. Der Test hat ihre grauen Zellen genau angesprochen und gefordert. Nach der Auswertung kam die Sicherheit. Nicht nur Hochbegabung….. Auch keine Inselbegabung….. Sie ist Höchstbegabt.

    Ja was bedeutet das jetzt und was kann für meine Schester getan werden, damit es ihr besser geht?
    „Nicht viel… “ War die Aussage der Psychologin. „Hätten sie ein “ dummes“ Kind, wüsste ich sofort wo ich sie hinschicken kann.“
    Die Psychologin hat sich mit weiteren Experten beraten und letztendlich geraten meine Schwester auf eine Begabtenschule zu geben.

    Meine Mama recherierte …Allerdings gibt es kaum Schulen, die breitgefächert Begabungen schulen. Eine Entscheidung musste her. Mathematische Schule?Musikschule? Naturwissenschaftliche Schule? …. Die Entscheidung war schwer. Nach vielen Bewerbungen und einem Aufnahmetest, wollte meine kleine Schwester nur auf eine Schule, die ihr gefallen hat. Das Glück war auf ihrer Seite. Sie bekam einen der 25 Plätze für ihren Jahrgang. So begann sie vor fast 2- Einhalb Jahren auf der Landesschule Pforta. Nach kurzer Zeit hat sie sich sehr verändert und wurde zu einem lebensfrohem Teenager. Der halt doch etwas erwachsener ist als andere Kinder in dem Alter.

    Es ist immer ein abendteuer Kinder zu haben. Meine Schwester ist jetzt auf einem guten Weg und ich hoffe für dich und deine Kids, das ihr immer einen erfolgreichen Weg findet mit “ Diagnose“ oder ohne. Das wichtigste ist das unsere geliebten Kleinen gut aufgehoben sind.

    Ich selbst bin auch auf dem Weg in eine “ Cocktail- Ehe“ zu starten und werde sicher noch viel auf deinem Blog stöbern.

    Viele Liebe Grüße aus Abu Dhabi,

    Christiane

    • Liebe Christiane,

      tausend Dank für Deine Nachricht und dass Du die Geschichte Deiner Schwester mit mir geteilt hast! Ich habe mich wirklich RIESIG darüber gefreut und bin mir sicher, dass Du mir damit sehr geholfen hast!
      Denn im Prinzip war es zu einem ganz, ganz großen Teil diese Hochbegabung und die sich daraus ergebenden Situationen, Schwierigkeiten, Fragen etc, die mich letztlich erst zum Lesen und dann zum Schreiben und somit zu diesem Blog gebracht haben. Ich hatte das Gefühl, dass mir genau diese Art von Austausch helfen könnte. Und so ist es.
      Ja, auch bei uns ist die Astronomie ein großes Thema – dummerweise eigentlich so gar nicht mein Thema, so dass ich mich mit Vielem erst befassen muss. Zur Zeit machen Champ und ich uns Gedanken über Weltraummüll, denn Champ möchte eine Lösung finden, diesen zu reduzieren. Ein großes Thema ist auch Krieg und Frieden, Eliminierung von Gewalt „Mama, wieso muss es Kriege geben?“ „Mama, was genau ist im zweiten Weltkrieg passiert?“ Bei diesen Themen fällt es mir oft schwer, sie logisch einleuchtend, aber dennoch auf Kinderniveau zu erklären und beleuchten.
      Ja, unser Kinderarzt ist in der Tat sehr nett und hört auch zu. Seine Tendenz ist: Integration, nicht separieren, ganz normal behandeln und aufwachsen lassen und neben der Schule zusätzlich fördern, falls dies Sinn macht.
      Ich denke, da müssen Champ und ich nach und nach unseren Weg finden und ein Gefühl dafür bekommen, was ihm hilft, guttut und Spaß macht.
      Bei den Lehrern ist es, glaube ich, ein bisschen durchwachsen, mein erster Elternsprechtag als solcher steht noch aus…
      Liebe Grüße und ich ich würde mich freuen, immer wieder von Dir zu hören! Und nochmals: Ein ganz herzliches Dankeschön!
      Kate

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