„Als Preußen losgezogen, als Gesindel angekommen“ – ein paar Gedanken cum Buchvorstellung

Gedanken - Flüchtlinge - Preußen"Als Preußen losgezogen, als Gesindel angekommen" - ein paar Gedanken cum Buchvorstellung / "Left as Prussians, reached as riffraff" - a few thoughts com book presentation I www.cocktail-kids-mom.com

„Als Preußen losgezogen, als Gesindel angekommen“. – Dieser Satz hat mich sehr nachdenklich gemacht und beschäftigt. Er stammt aus dem Buch „Altes Land“ von Dörte Hansen. Er war der Anstoß für viele Gedanken und Fragen in mir.

Aber vielleicht sollte ich einmal von vorne anfangen:

Ich muss gestehen, ich lese normalerweise nicht gerne Kriegsliteratur. Genauso wenig schaue ich mir gerne Filme über diese Zeit an. Ja, Schindlers Liste habe ich gelesen und gesehen, das Tagebuch der Anne Frank ebenso, und natürlich in der Schule diverse Dokumentationen gesehen. Ich habe als Kind viel von meinen Großvätern über diese Zeit gehört, allerdings immer nur in Fragmenten, in Stücken, so wie es bei meinen Großvätern präsent war und wie sie es erlebt hatten, aber ich habe nie nachgefragt.

Nun habe ich durch Zufall gleich zwei Bücher hintereinander gelesen, die sich mit dem Krieg und vor allem dessen Folgen beschäftigen. Die beiden Bücher sind völlig unterschiedlich, vom Stiel her sowieso, aber auch von der Geschichte: „Gestorben wird immer“ von Alexandra Fröhlich und „Altes Land“ von Hörte Hansen. In beiden Büchern geht es um die Geschichte einer preußischen Familie, die flüchten und ihre Heimat verlassen mussten.

Gedanken - Flucht - Flüchtlinge - Heimat

Abgesehen davon, dass ich die jeweiligen Schicksale sehr bezeichnend und bewegend fand – mehr Gedanken dazu später – kam in mir zunächst einmal die Frage auf  „wo genau war denn dieses Ost-Preußen überhaupt“? Wie des Öfteren schon einmal hier erwähnt, stamme ich vom „anderen Ende Deutschlands“, aus der Eifel, also an der Grenze zu Belgien, also aus dem äußersten Westen. Insofern hatte ich bislang zu der Region „Preußen“ überhaupt keinen Bezug, noch irgendeine Verbindung. Also habe ich erst einmal gegoogelt und festgestellt, dass es ein ziemlich großes Gebiet war, das heute aufgeteilt ist zwischen Polen, Litauen und zum Teil auch noch Russland. Ich habe gelernt, dass in Preußen ganz normales Deutsch gesprochen wurde, ohne einen besonders starken Dialekt etc, ich habe verstanden, dass es eine sehr reiche Gegend gewesen ist und eine sehr Fortschrittliche. Es gab viele große Gutshöfe, selbst in den Kriegsjahren musste hier nicht großartig Hunger gelitten werden.

Gedanken - Flucht - Heimat - Vertreibung

Aber dann ging der Krieg zu Ende – Flucht und Vertreibung begannen: „Als Preußen losgezogen, als Gesindel angekommen“….Die Menschen mussten ihre großen Gutshöfe verlassen und Richtung Westen ziehen. Sie zogen los mit dem Selbstverständnis Deutsche zu sein, in ihrer Heimat waren sie wohlhabend gewesen. Als sie im Westen ankamen, wurden sie als „Pollacken“ beschimpft, man wollte sie nicht haben, hätte sie am liebsten immer weiter abgeschoben.

Gedanken - Flucht - Heimat

Den Weg dieser Flucht und was sie in den Menschen bewegt und wie sie prägt schildern beide Bücher sehr anschaulich. Eine solche Flucht, die Erinnerung, das Erlebte ist etwas, das den Menschen ein Leben lang begleitet. Wohlgemerkt, das hier war „nur“ eine innderdeutsche Flucht, es war die gleiche Sprache, die gleiche Kultur, die gleiche Religion und dennoch war es unmenschlich und das Ankommen erniedrigend. Hinzu kamen die traumatischen Erlebnisse der eigentlichen Flucht: „überall in den Bäumen hingen tote Kinder“. Es war ein extrem kalter Winter und diese eisigen Temperaturen haben viele kleine Kinder und Babys, sowie alte Menschen auf der Flucht nicht überlebt. Die Menschen haben die toten Körper in die Bäume gehangen, um sie vor Wildschweinen etc zu „retten“, denn beerdigen konnten sie sie bei dem gefrorenen Boden nicht.

Als die Überlebenden endlich im Westen ankamen und die Temperaturen allmählich rauf gingen, waren sie über Nacht zu Pack, zu Gesindel geworden.

Gedanken - Flucht - Heimat

Schwer zu fassen diese Gefühle. Den einen macht es stark, den anderen macht es schwach. In jedem Fall hinterläßt es Spuren und Wunden und die bleiben meist für immer und prägen.

Gedanken - Flucht - Hoffnung - Heimat

Wieso fällt es Menschen allgemein so schwer, jemanden teilhaben zu lassen, jemand anderen zu akzeptieren und respektieren, jemanden, der aus einer anderen Gegend kommt, bei sich willkommen zu heißen? Klar in diesem Fall, nach dem Krieg ging es nicht um kulturelle oder religiöse Unterschiede, es ging um das blanke Überleben, es ging darum, dass man das Wenige, das vorhanden war an Nahrung und Rohstoffen, nicht auch noch mit „Dahergelaufenen“ teilen wollte. Auch verständlich. Jedenfalls irgendwie.

„Man wollte uns nicht haben“ sagte mir eine Frau aus unserer Kirchengemeinde, die selber als junges Mädchen aus Pommern mit ihrer Familie hierher gekommen war.

Es ist nicht nur die Angst vor dem Fremden, ich glaube es geht vielmehr – damals wie heute – um die Angst selber mit etwas zu kurz zu kommen.

In diesem Sinne für ein Mehr an Menschlichkeit in der Gesellschaft, denn oftmals ist es nur ein ganz schmaler Grad auf dem man sich bewegt und es könnte einem selber irgendwann, irgendwie einmal genauso oder ähnlich ergehen. Denn irgendwann ist jeder einmal auf Hilfe angewiesen und ist dankbar, wenn es sie gibt diese Hilfe und die Menschlichkeit.

Gedanken - Flucht - Heimat - Lesetipp

Gedanken - Flucht - Heimat - Lesetipp

Eure,

PS.: Falls Ihr hier noch nicht so lange mitlesen solltet, schaut doch einmal hier, oder hier, oder hier rein : )

PS.: Alle Landschaftsaufnahmen stammen aus meiner Heimat und der Fotograf der Aufnahmen ist mein Vater.

 

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1 Kommentare

  1. Wo genau das Kernland des Königreiches Preußen im Deutschen Kaiserreich war, wird in ganz groben Zügen richtig beschrieben. Die Geschichte Preußens im Kaiserreich und im späteren Deutschen Reich endete mit der Kapitulation der deutschen Wehrmacht am Ende des zweiten Weltkrieges. Zu der Geschichte Preußens vor dem Kaiserreich wäre auch noch vieles anzufügen. Das würde aber den Rahmen eines Kommentares sprengen.
    Was aber wohl erwähnt werden sollte, das Rheinland und damit auch die Eifel sind nach dem Wiener Kongress 1815 Preußen zugeschlagen worden. Dabei blieb es bis zum schon erwähnten Kriegsende. Die Flüchtlinge und Vertriebenen von damals sind zum größten Teil in den westlichsten Teilen Preußens gestrandet. Sie waren also sogar im eigenen Land zu Fremden geworden. Es zählt sicher zu einer der großen Leistungen der jungen Bundesrepublik Deutschland, diesen Menschen wieder eine Perspektive gegeben zu haben.
    Daran läßt sich ermessen, wie schwer es für die Bundesrepublik von heute ist, auch den Flüchtlingen aus Afrika, dem Balkan und aus Nah- und Fernost eine vergleichbare Perspektive zu bieten. Es ist noch lange nicht ausgemacht, ob das gelingen wird. Die Flüchtlinge von damals waren für die Bundesrepublik am Ende ein Gewinn. Die Neuankömmlinge von heute können wieder zu einem Gewinn für die Alteingesessenen werden, wenn auch diesmal die ungleich schwerere Aufgabe der Integration gelingt.
    Jetzt muss ich aufhören, sonst schweife ich am Ende zu sehr vom Kernthema ab.

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